Die Christengemeinschaft
Aus einer Orientierungsschrift von Erhard Kröner:
Was sie ist
Inmitten der vielen religiösen und weltanschaulichen
Gemeinschaften unserer Zeit tritt die Christengemeinschaft mit einem
eigenen christlichen Gemeindeleben auf. Dieses beruht zum einen auf
der Erneuerung und Fortbildung des christlichen Gottesdienstes, der
Messe, zur Menschen-Weihehandlung. Zum anderen gibt es ein neues
christliches Bekenntnis (Credo), in dem die Wahrheit des christliche
Glaubens in einer unserer Zeit gemäßen Form enthalten ist.
Gottesdienst und Bekenntnis leben durch die gemeinsame und
individuelle religiöse Übung der Gläubigen. Zu dieser gehört auch
ein neuer Umgang mit dem Evangelium und dem Gebet.
Die Christengemeinschaft ist also Sakramentsgemeinschaft. Taufe,
Konfirmation, Beichte, Trauung, Priesterweihe und Letzte Ölung sind
mit dem Zentralsakrament, der Menschen-Weihehandlung, verbunden.
Ein Kindergottesdienst und altersgerechte religiöse Unterweisung,
die Pflege eines vertieften und erweiterten Verständnisses des Neuen
Testaments, Beratung und Seelsorge nach den Erwartungen derer, die
darum nachsuchen, Vorbereitung der Sakramente und deren Vollzug,
Bestattung und Fürbitte sind wesentliche Lebensfunktionen des
Gemeindewesens.
Wer sich diesem aus freiem Entschluss nach reiflicher Prüfung
verbinden will, wird Glied der Gemeinde, Mit-Glied der
Christengemeinschaft. Was sie nicht
ist
Die Christengemeinschaft ist nicht die alleinseligmachende
Kirche; sie kann und will nicht als <die > Kirche < für
alle > gelten, aber für alle offen sein, diesich in ihr vereinen
wollen.
Eine Sonderlehre oder die besondere Hervorhebung einzelner
Glaubenswahrheiten (Sekte) kennt sie nicht; das Christentum ist
universell und darf nicht durch Überbewertung einzelner Lehrinhalte
und Verhaltensnormen in seiner einzigartigen Größe entstellt
werden.
Die Christengemeinschaft ist auch nicht die
"Anthroposophenkirche", wenngleich sie die einzige christliche
Gemeinschaft ist, die die Anthroposophie Rudolf Steiners anerkennt
und deren entscheidende Hilfe für die Erweiterung und Erneuerung der
Theologie aufgenommen hat.
Die Christengemeinschaft ist nicht gegründet auf einer
Bekenntnisverpflichtung der Gläubigen. Sie steht nicht in einem
Abhängigkeitsverhältnis zur staatlichen Steuerordnung; alle
Zuwendungen der Mitglieder kommen freiwillig nach deren
Selbsteinschätzung zusammen. Ihre Pfarrer sowie die Mehrzahl der
anderen Mitarbeiter sind hauptberuflich tätig; ihr Gehalt wird nicht
nach Leistungen, Amtsalter, Stellung oder Vorbildung, sondern allein
nach den Möglichkeiten der Gemeinschaft bemessen.
Sie ist nicht kunst- oder kulturfeindlich, sondern hat durch ihr
kultisches Leben selbst vielfältige künstlerische Aufgabenfelder
(z.B. Architektur, Plastik, Malerei, Musik) und ist um die Pflege
des Zusammenhangs wahrer Religion mit den Quellen wahrer Kunst
bemüht. Der Gottesdienst
Das eucharistische Mahl, das Sakrament von Brot und Wein, das in
den christlichen Kirchen verschiedene Formen gefunden hat, lebt in
der Menschenweihehandlung in einer neuen Gestalt. Dieser - zunächst
ungewohnte - Name will sagen: Mensch wirst du erst durch die Hilfe
Christi, der seine heilende Kraft dem schenkt, der ihn suchen,
erkennen und ihm folgen will.
In seiner urbildlichen Ordnung der vier Stufen: Verkündigung des
Evangeliums, Opferung, Wandlung und Kommunion erweist sich die „neue
Messe" als Weg des Menschen zu Christus. Das Glaubensbekenntnis,
eine kurze Predigt und das Vaterunser werden dem Vollzug des
Gottesdienstes eingefügt.
Wie der Jahreslauf der Erde in den Jahreszeiten, so ist auch das
Jahr der Seele in den Festeszeiten des Kirchenjahres rhythmisch
gegliedert. der Altar und die liturgischen Gewänder erscheinen in
Farben, die den besonderen Charakter, die Stimmung des jeweiligen
Festes zum Ausdruck bringen oder aber der Art der gottesdienstlichen
Feier zugehören.
Der Gottesdienst ist äußerlich sichtbares Abbild höherer
geistiger Vorgänge. Farben und Formen der Gewänder und Geräte lassen
durchscheinen, was sich unsichtbar in den Zeremonien vollzieht.
Außer den Mitgliedern der Gemeinde können auch Besucher
teilnehmen, die den Gottesdienst zunächst nur kennen lernen wollen.
Der selbstgewonnene Eindruck kann oft mehr bedeuten als eine
Beschreibung. Die Sakramente
Der Mittelpunkt des sakramentalen Lebens ist die
Menschen-Weihehandlung. Ihr sind die anderen sechs Sakramente eng
verbunden:
- Die Taufe der Kinder
- Die Konfirmation
- Die Beichte / Schicksalsberatung
- Die Trauung
- Die Priesterweihe
- Die Letzte Ölung
Sie stehen an den Knotenpunkten des menschlichen Lebenslaufes
(Taufe, Konfirmation, Letzte Ölung) oder da, wo ein Mensch für seine
individuellen Entschlüsse den Segen Gottes erbittet.
Sie werden in persönlichen Gesprächen vorbereitet, die Bewußtsein
und Verständnis für den Vollzug stärken sollen.
Patenschaft und Trauzeugenamt werden in gemeinsamer Verantwortung
aus der Gemeinde begründet.
Die Schicksalsberatung dient der wachsenden
Selbstverantwortlichkeit des Gläubigen (Sinneswandlung). Es gibt
keinen Beichtzwang.
In der Christengemeinschaft wird das Sakrament der Priesterweihe
Mann und Frau in gleicher Weise gespendet.
Die Letzte Ölung hilft dem Sterbenden, sich aus dem Leibe zu
lösen und in das leibfreie geistige Dasein hinüberzugehen; zu ihr
gehören die Aussegnung und die Bestattung.
Über Einzelheiten geben die Pfarrer Auskunft; eine themenbezogene
Literatur kann das Gespräch ergänzen. Das
Evangelium
Das ganze neue Testament - insbesondere die vier Evangelien - ist
auch heute für ein erneuertes religiöses Leben die
Offenbarungsquelle. Allerdings bedarf es beim Lesen und Hören einer
anderen Gesinnung, als jedem anderen Text gegenüber.
Intellektualistische Wissenschaftlichkeit verhindert den Zugang,
besonnen-meditative Behutsamkeit öffnet ihn.
Wer mit der wesenhaften Wirklichkeit des Geistes rechnet, ohne
sich abergläubisch oder medial zu verhalten, wird im lebendigen
Evangelienwort eine einzigartige Kraftquelle finden. Verkündigung / Lehre
Der Mensch ist seinem Wesen und seiner Bestimmung nach Bürger
zweier Welten: einer übersinnlich-geistigen und der
irdisch-natürlichen. Während des Lebens auf Erden kann er seinen
himmlischen Ursprung vergessen und dadurch zum Glied nur der
vergänglichen Welt werden.
Durch Religion verbindet sich der Mensch im Leben zwischen Geburt
und Tod in aktiver Weise wieder mit der Welt seines Ursprungs.
Christus ist der Schöpfer der Welt, der sichtbaren wie der
unsichtbaren. Er ist in Jesus von Nazareth Mensch geworden und hat
durch sein Leben, durch Passion, Tod und Auferstehung die Menschheit
vom Untergang errettet ("erlöst"). Seither kann der einzelne bewusst
Christus suchende Mensch die Verbindung mit Ihm finden. In ihr
erfährt er ein neues Leben und sein Fortbestehen. Unsterblichkeit / Ungeborenheit
Zur Frage: Wohin? angesichts des Todes gehört im Blick auf die
Geburt die andere: Woher? Beide Ereignisse, Geburt und Tod, sind
Tore, durch die das Menschenwesen in das Leben herein- und aus ihm
hinausgeführt wird. Deshalb muss heute neben eine neue Lehre von der
"Unsterblichkeit" des Menschen eine von seiner "Ungeborenheit"
(Präexistenz) treten.
Durch die Eltern entsteht der Leib des Menschen; Seele und Geist
jedoch entstammen höheren Daseinsbereichen. In seinem Schicksal
offenbart sich, was früher bereits vorbereitet wurde und später
durch ihn weitergebildet werden soll. Auf Erden soll er durch
Christus zur Freiheit finden und so auch zur Kraft unegoistischer
Liebe. Religiöse Erziehung
Mit der Taufe beginnt die christliche Entwicklung. Sie bedarf der
Hege und Pflege, bis der Herangewachsene in der Verantwortung vor
Gott und sich selbst Pate anderer werden kann.
Die gemeinsame Andacht im Gottesdienst der Kinder
(Sonntagshandlung) wird ergänzt durch einen Religionsunterricht. Er
folgt in seinem Aufbau durch die verschiedenen Lebensjahre der
religiösen Entwicklung der Menschheit. So folgen auf Mythen und
Legenden die alttestamentlichen Inhalte; danach nimmt das Neue
Testament den größten Raum ein. Das Leben Jesu Christi, seine Lehre
und seine Gottes-Tat sollen dem Kind vor der Konfirmation nahe
gebracht werden. Nach der Konfirmation gilt es, auch eine
christliche Weltanschauung zu veranlagen. Die Auseinandersetzung mit
dem Materialismus und seinen Begleiterscheinungen muss bewältigt
werden. Das hohe Ideal religiöser Unterweisung ist das Heranwachsen
selbstverantwortlicher Gläubiger, die sich von ihrem Gewissen leiten
lassen und die anderen gegenüber tolerant sein können. Begründung und Ausbreitung
Der erste vollständige Vollzug der Menschen-Weihehandlung ist die
Geburtsstunde der Christengemeinschaft. Ihr gingen wichtige
Vorbereitungen voraus, die durch die unermessliche selbstlose Hilfe
Rudolf Steiners (1861 -1925) ermöglicht wurden.
Die Begründer der Christengemeinschaft, zu denen Friedrich
Rittelmeyer und Emil Bock als maßgebende Persönlichkeiten gehörten,
fanden ihre Fragen nach einer christlichen Erneuerung von ihm als
zeitgerecht bestätigt. So konnte 1922 die Christengemeinschaft
begründet werden. Sie ist von Anfang an selbständig, ohne jede
Bindung an die bestehenden Kirchen oder ihre Verbände, obwohl sie
das Christentum in Kultus und reformatorischer Gesinnung in
erneuerter Gestalt fortführt.
Außer im deutschen Sprachraum bestehen heute Gemeinden in den
nordischen und den englisch sprechenden Ländern, in Belgien,
Holland, Frankreich, Argentinien, Brasilien, Peru sowie in
Australien, Neuseeland und Südafrika. In Osteuropa sind Gemeinden im
Aufbau. Die erste Gemeinde in Japan ist im Jahre 2000 gegründet
worden. Mitgliedschaft
Mit der Taufe werden die Kinder in die Gemeinde aufgenommen und
begleitet bis zur Konfirmation. Was als sakramentaler Segen an
Unmündigen geschieht, wird im Jugendalter durch die Konfirmation
bestätigt und bestärkt.
Eine bewusste Mitgliedschaft bedarf aber der Reife des
Erwachsenenalters. Deshalb wird darüber erst in dieser Lebenszeit
entschieden.
Menschen, die nicht in der Christengemeinschaft getauft und
konfirmiert worden sind, suchen die Mitgliedschaft, indem sie
zunächst am sakramentalen Leben teilnehmen. Entsteht daraus die
innere Sicherheit, dass hier eine bleibende religiöse Heimat
gefunden ist, so werden Aufnahmegespräche mit einem Pfarrer Klarheit
über diesen freien Entschluss und seine Folgen haben. Wirtschaftliche Belange
Seit ihrer Gründung existiert die Christengemeinschaft dank der
freiwilligen Zuwendungen ihrer Mitglieder und Freunde. Wer ihr
Wirken ermöglichen will, gibt regelmäßig (meist monatlich) einen
Beitrag nach verantwortlicher Selbsteinschätzung. Die Größe seiner
Leistungen bemisst er danach, was ihm die religiöse Gemeinschaft
"wert" ist und worauf er im privaten Bereich verzichten will und
kann. Über ihren Bedarf und die Verwendung der Mittel berichtet die
Gemeinde alljährlich.
Einen beträchtlichen Teil ihrer Einkünfte gibt jede Gemeinde an
die Gesamtheit
der Christengemeinschaft zur Verwendung für deren Aufgaben.
|